Offener Brief zur Prüfungs- und Ausbildungssituation in Gesundheitsberufen

    An den
    Minister für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit
    Herrn Harry Glawe

    Sehr geehrter Herr Minister Glawe,

    wir befinden uns in dynamischen und besonderen Zeiten. Die Lage rund um die COVID19-Pandemie stellt fast alle Menschen vor neue Herausforderungen. Sie als zuständiges Ministerium haben täglich mit neuen Informationen und Erlassen, die sämtliche Berufszweige sowie das öffentliche Leben betreffen, zu tun. Die getroffenen Regelungen zur Durchführung der Abschlussprüfungen haben uns zu einem kritischen Nachdenken und Bewerten bewegt.

    Auf Grund der aktuellen Situation, dass die beruflichen Schulen geschlossen sind, gibt es Klassen, die keine ausreichende Prüfungsvorbereitung erhalten haben bzw. diese über „Homeschooling“ sich selbst erarbeiten sollen. Dies, finden wir, ist nicht ausreichend, um eine qualitative Prüfungsleistung abrufen zu können. Darüber hinaus gilt es zu bedenken, dass gerade die Auszubildenden der Ausbildungsberufe Gesundheits- und Krankenpflege (GKP), Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (GKKP), Operationstechnische Assistent*innen (OTA) und Anästhesietechnische Assistent*innen (ATA) momentan besonders angespannt sind und ihnen durch die aktuelle Lage psychisch und physisch das Äußerste abverlangt wird. Viele Auszubildende werden in diesen Tagen auf den Corona-Stationen eingesetzt und sind Tag für Tag mit den Auswirkungen dieser Krankheit beschäftigt.

    Ebenso sind die Ausbildungszweige der zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA), medizinisch-technische Radiologieassistent*innen (MTRA), medizinisch-technischen Laboratoriumsassistent*Innen (MTLA), medizinischen Fachangestellten (MFA), der Hebammen und Entbindungspfleger (HEB), sowie Physiotherapeut*innen (PHY) und Ergotherapeut*Innen (ERT) durch die aktuelle Corona-Situation betroffen. So erhalten diese Auszubildenden aufgrund der schulischen Ausbildung momentan keinen ordnungsgemäßen prüfungsvorbereitenden Unterricht, sondern nur ungenügende Materialien über „Homeschooling“, welches nicht an jeder Schule optimal ausgebaut ist.

    Hinzukommend sind in allen Ausbildungsberufen die vorgeschriebenen Fehlzeitenregelungen ein enormes Problem, nicht nur, wenn auf Grund von Verdachtsfällen durch die zuständigen Stellen eine 14-tägige Quarantäne angewiesen wird. Auch unter uns Auszubildenden gibt es durchaus Menschen, die Teil einer Risikogruppe sind oder im Haushalt mit Angehörigen einer Risikogruppe leben. Diesen Auszubildenden ist es nicht möglich sich krankschreiben zu lassen, da die Angst aufgrund zu hoher Fehlzeiten die Ausbildung nicht zu bestehen oder verlängern zu müssen zu groß ist.

     

    Durch die aktuelle Lage und die stetigen Veränderungen werden die Ausbildungs- und Dienstpläne der Auszubildenden meistens nur wöchentlich vorgeschrieben und können sich dann noch plötzlich von Theorie- in Praxiseinsatz ändern oder umgekehrt. Dies ist eine Situation, in der niemand gezwungen sein sollte, sich neben den besonderen Herausforderungen im täglichen Leben und in der Ausbildung, auf eine Prüfung, die seinen ganzen weiteren Berufsweg entscheiden wird, vorzubereiten.


    Die IHKen in der Bundesrepublik veröffentlichten bereits am 16.03.2020 das erste Mal eine Pressemitteilung bezüglich des weiteren Ablaufs der Abschlussprüfungen für die jeweiligen Ausbildungsberufe. Am 18.03.2020 gaben sie bekannt, die Zwischenprüfungen ersatzlos ausfallen zu lassen. Eine Verschiebung der Abschlussprüfungen wurde für den Bereich der IHKen am 27.03.2020 öffentlich bekannt gegeben. Wir, als Auszubildende in den Pflege- und Gesundheitsberufen, gehören bekanntlich nicht zur IHK, weshalb all dies, für uns, leider nicht gilt. Die Hoffnung der Auszubildenden war, nach dem zügigen Vorgehen der IHKen, dass auch, durch das für unsere Ausbildung zuständige Ministerium ähnliche Veröffentlichungen möglichst zeitnah herausgegeben werden. Dies ist aber erst vor zehn Tagen geschehen.

    Die Regelungen des Landesamtes für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern (LAGuS), unter welchen Bedingungen Prüfungen erfolgen sollen, werfen einige Fragen auf. Wir fragen uns: sind diese Bedingungen überhaupt gegeben? So müssten die Räume in den beruflichen Schulen, Kapazitäten nachweisen, um einen Mindestabstand gewähren zu können. Ebenso sollte keine Prüfung, die über die komplette weitere berufliche Laufbahn entscheidet, mit einem Mund-Nasen-Schutz geschrieben werden. Dieser besteht aus dickem Baumwollstoff, durch den es äußerst schwer fällt zu atmen. Genau so darf und sollte es keine praktische Prüfung an Simulationspuppen geben. Diese sind für Übungen sicher sinnvoll, aber eine Prüfung muss an realistischen Gegebenheiten erfolgen.

    Wir fordern deshalb :

    • die praktische Prüfung nach den Maßgaben der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (§15 und §18) für die Berufe in der Krankenpflege (KrPflAPrV) am Patienten durchzuführen
    • das Aussetzen der Fehlzeitenregelung während der Corona-Pandemie
    • den beruflichen Schulen mit Ausbildungen in den Gesundheitsberufen des Landes MV einheitlich die finanziellen, materiellen und räumlichen Möglichkeiten zu geben, um Bestimmungen und Anordnungen zum Ablegen der praktischen, mündlichen sowie schriftlichen Prüfungen fair für alle Auszubildenden zu ermöglichen
    • Angemessene prüfungsvorbereitende Praxisbegleitung durch Lehrkräfte und Praxisanleiter*Innen unter Beachtung der vorgeschriebenen Stundenanzahl

    Es ist Handeln ihrer Seite notwendig! Die Situation der Auszubildenden ist so nicht mehr zumutbar.

    Wir stehen für Beratungen und Gespräche hierzu gerne zur Verfügung.

    Unterzeichner*Innen:

    Laura Puls, im Namen der JAV HELIOS Kliniken Schwerin
    Lisa Rückert, im Namen der JAV HELIOS Klinik Stralsund
    Oskar Graap, im Namen der JAV Universitätsmedizin Rostock

    Feline Kraack und Pascal Kühr, im Namen des Landesbereichsjugendfachkreis Gesundheit + Soziales ver.di Landesbezirk Nord
    Jakob Goebel, im Namen des Landesbezirksjugendvorstands ver.di Landesbezirk Nord
    Kevin Nehls, im Namen des Bezirksjugendvorstands ver.di Bezirk Schwerin
    Lydia Pokwa, im Namen des Bezirksjugendvorstands ver.di Bezirk Rostock
    Pierre Moder, im Namen des Bezirksjugendvorstands ver.di Bezirk Neubrandenburg/Greifswald
    Daniela Schult, im Namen des Bezirksfachbereichsvorstands Gesundheit + Soziales ver.di Bezirk Schwerin
    Jana Reise, im Namen des Bezirksfachbereichsvorstands Gesundheit + Soziales ver.di Bezirk Neubrandenburg/Greifswald

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